Das Kind ist in den Brunnen gefallen, es führt kein Weg umhin: Wir müssen verzichten, wegstecken, unsere innigsten Bedürfnisse und Neigungen in die Tiefen der verbotenen Schublade vergraben. Wir müssen LEIDEN. Ja, es tut weh, wenn nur sieben Zuschauer*innen im Publikum sitzen dürfen. Ja, die spontane Seele schmerzt, wenn sie ihren Pappbecher erst beschriften muss. Und ja, das ist Schweiß an meiner Mund-und-Nasen-Maske, der mir gerade die Nasenspitze runtergetropft ist. Theater halbtot, Kantine zu und der Saal leer. Der Klimax an Leid jedes kulturinteressierten Herzens. Was aber am meisten schmerzt ist das harte Urteil der Vernunft, das alle Einbußen so klar und plausibel darstellt und den ihr entgegengesetzten Widerwillen ein bockiges Kind nennt. Dilemma! Interessenswiderspruch! Und wieder ist die Vernunft ein böser Zauberer, die grimmige Gewalt, ein kleiner Grießgram, diese Spielverderberin. Wie bloß entkomme ich diesem ausweglosen Kampf gegen mich selbst, ohne meine Seele zu zerreißen? Vielleicht liegt das Problem gerade in jener stiefmütterlichen Beziehung zur Vernunft begraben? Ihre mysteriöse Diffusität scheint mir kein gutes Verkaufskonzept zu sein. Die Vernunft muss wieder schick werden! Askese, Askese, Baby! Her mit der Enthaltsamkeit, mit dem Schweiß und dem Leiden. Das Leid muss DAUERN und darf von keiner Fahrlässigkeit gemildert werden, damit das Licht am Ende des Tunnels so richtig BALLERT. Denn nichts ist so wohltuend, wie das Gute nach dem Schlechten, die Wärme nach der Kälte, der Crémant nach dem Freixenet. Vorfreude? Schönste Freude! Nicht ohne Grund lautet die alte Bauernweisheit: Das Boxspringbett ist WEICHER, wenn ich die Nacht zuvor auf den Fliesen des Balkons verbracht habe! Ja, ein süßes Ende wartet da irgendwo. Der struggle ist da, aber die Erlösung nicht weit. Alles, was wir aufgaben, wird zurückkommen, JEDOCH: next level, geupgradet und andersartig besser! Zurückstecken für die Orgie, Entsagung für die Zügellosigkeit, das unterschreib ich gern. Die Welt wird eine andere sein, sobald die äußeren Umstände es zulassen. Ungestüm und spontan, ganz nach meinem gusto. Schauspieler*innen werden spucken und schwitzen, jede mit jeder und jedem und umgekehrt genauso. Ein Jauchzen aus den ersten Reihen, das Bällebad aller Theatergänger*innen. Lass die Spucke Fäden ziehen und lass die Rotze kleben, Baby. Also nicht jetzt! Aber irgendwann.

Wenn alles überstanden ist, …wirst Du ausnahmslos ALLE Bekannten und Verwandten, Freund*innen und Feind*innen mit den zärtlichsten Zungenküssen begrüßen. …Karten für zehn Vorstellungen kaufen, die alle gleichzeitig stattfinden. Einfach, weil Du es kannst. Mmmh… Finger schmecken gut, nachdem sie alle Türklinken und ähnliches angefasst haben. Volles Haus, stickige Luft und ganz viel Aerosole. Geil, Geil, Geil! … dann darfst Du wieder Unterhosen werfen für deine liebsten Schauspieler*innen oder Bühnentechniker*innen. Der Rotwein danach wird feierlich in der GESAMTEN Kantine herumgereicht.

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