Ein Lakai wackelt auf die Bühne, saugt die Backen ein, dass sich die Lippen wölben. Er wackelt zurück, kommt noch einmal, dieses Mal mit aufgeblasenen Backen. Ein junger Mann geht zögerlich zu ihm hin. «Es macht keinen Sinn, dass du hier anklopfst», sagt Paige Hicks, die beide Lakaien spielt. «Und zwar aus zwei Gründen: Erstens bist du auf derselben Seite, wie ich und zweitens machen die da drinnen einen solchen Lärm, da hört eh niemand etwas.» In diesem Moment stimmt Silvana Candreia, die an der Seite sitzt, einen schrillen Operngesang an, verfällt in eine Schimpftirade und lässt einen Beutel mit zerbrochenem Geschirr auf den Boden krachen. Alle schrecken auf. Hinten schimpft Tanja Hoppler mit einem imaginären weinenden Baby. Mathias Ott, der junge Mann, der gerade Alice verkörpert, fragt: «Aber wie komme ich durch diese Tür?»
Die Geräuschkulisse bei der Probe fährt ein.

Wir sind in einem Proberaum in der Nähe von Adliswil bei Zürich an einem Samstagmorgen im Dezember. Auf dem Tisch liegen verschiedene Fassungen des Buchs von Lewis Carroll’s Alice im Wunderland, drei auf Deutsch, eine auf Englisch, alle zerlesen. Seit Ende Oktober proben das Tada-Theater und das Theater Jetzt an einer Neuinterpretation des alten Klassikers. Die Gruppe erarbeitet sich das Stück lesend und spielend. Auf einem der Zuschauerstühle sitzt Manuel Ledergerber und tippt Noten in ein Programm. Er schreibt die Musik zu “Alle im Wunderland”, wie das Stück heissen wird.

Mehr als ein Hase und ein Loch

Die Spielleitung macht Oliver Kühn. Der Theaterpädagoge führt Regie, lässt die Spielenden Verschiedenes ausprobieren und schreibt daraus laufend die Stückfassung. Der Gründer vom Theater Jetzt und Lehrer an der privaten Schauspielschule «Stage Art Musical and Theatre School» (SAMTS) ist so gnadenlos ehrlich wie begeistert in seinen Rückmeldungen. «Zieh deine Uhr aus, dein Spiel ist zu privat», sagt er zu Silvana Candreia. «Leg noch 80 Prozent mehr drauf» zu Tanja Hoppler. Lob ist aber auch drin. «Das mit dem Fisch, das ist so lustig!» Ein paar der Schauspielenden sind auch seine Schüler*innen an der SAMTS. Komisch sei das nicht, sagt Silvana Candreia. Es sei einfach eine andere Form der Zusammenarbeit. «In der Schule gibt er mehr Anweisungen, bei der Inszenierung erwartet er viel mehr Inputs von uns», sagt sie.
Warum Alice im Wunderland, eine Geschichte, die schon tausendfach gespielt, verfilmt und interpretiert wurde? Tanja Hoppler erzählt, wie es dazu kam: «Uns ist aufgefallen, dass viele von dieser Geschichte gerade mal den Hasen und das Loch aktiv nennen können. Da ist aber viel mehr.» Man müsse sich nur die Zeit nehmen, all die Themen zu entdecken. Silvana Candreia ergänzt: Beim ersten Durchlesen wirke vieles wie Nonsens. Beim zweiten Mal entdecke man einen versteckten Sinn. «Und beim Spielen und diskutieren merkt man dann auch oft, wie ernst die Szenen eigentlich sind.»

Was ist das für eine Tür?

Diese Zeit, die nimmt sich die Gruppe. Oliver Kühn ruft alle zur Diskussion zusammen. «Ich habe eine Frage», sagt er. Er schweigt lange, überlegt. Dann: «Was ist das für eine Frage, wenn diese Tür aufgeht?» Silvana Candreia antwortet: «Du musst da durch, also wenn wir das jetzt wieder als PC-Spiel betrachten, dann muss sie da durch um weiterzukommen.»
Kühn lässt nicht locker. «Aber das da drin ist mega gefährlich! Alle raten ihr davon ab, wieso geht sie da rein? Da wird ein Kind totgeschlagen!» Einen Moment lang herrscht Schweigen. Dann sagt Mathias: «Ich glaube, das ist so ein bisschen eine Trauma-Überwindung. Sie muss das durchleben, um loszulassen. Wie wenn jemand in der Kindheit geschlagen wurde, er muss das hinter sich lassen, damit er es nicht immer als Entschuldigung für sein Verhalten mit sich herumträgt. Drum muess sie da dure. Sie verlüürt ihri Chindheit und ihri Unschuld.» Die Diskussion wechselt vom Bühnendeutsch in Mundart und wieder zurück. Man merkt, dass sich die Beteiligten gut kennen und sich voll dem Thema überlassen.

Auch ein bisschen Psychoanalyse

So entschlüsselt die Gruppe in der gemeinsamen Diskussion den Sinn jeder einzelnen Szene auf ihre eigene persönliche Art. Kühn sagt: «Alice ist in der Geschichte zwar ein Kind, aber das was sie durchlebt, durchleben auch Erwachsene, die sich auf so eine Reise begeben. Es ist auch eine Reise zu sich selbst. Deshalb sind auch Alle Alice und Alle im Wunderland.» In der Zeit, in der Lewis Carroll die Geschichte schrieb, am Ende des 19. Jahrhunderts, kam gerade die Psychoanalyse auf. «Wir denken diesen Ansatz auch immer mit», so Kühn. «Das ist teilweise sehr düster, wie zum Beispiel in dieser Küchen-Szene.»

Das, was heute geprobt wurde, wirkt durchdacht, die Schauspielenden sind mit dem Kopf da und in der Geschichte. Man merkt, dass sich alle Beteiligten intensiv mit dem Stück und dem Text auseinandersetzen. Und diese Intensität, mit der die Gruppe das Buch bespricht und sich Zeit nimmt, in die Tiefe zu gehen, verspricht eine Aufführung, die auch eingefleischten Lewis Carroll-Fans noch neuen Aspekte des Wunderlands zeigen kann.

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